{"id":841,"date":"2018-05-27T14:52:16","date_gmt":"2018-05-27T14:52:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rotermundfilm.de\/?page_id=841"},"modified":"2018-05-27T14:59:19","modified_gmt":"2018-05-27T14:59:19","slug":"kritiken-zu-das-verordnete-geschlecht","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/?page_id=841","title":{"rendered":"Kritiken zu &#8222;das verordnete Geschlecht&#8220;"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\"><b>aus: taz-berlin, Kulturteil <\/b><\/span><span class=\"s2\"><b>vom 14.9.2002<\/b><\/span><\/h2>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\"><b>Zuschnittsnormen<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\"><b>Filme \u00fcber Hermaphrodismus\u00a0 im Babylon Mitte<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\">Die geschlechtliche Ordnung ist eine gewaltige und gewaltt\u00e4tige Fiktion. Nicht einmal mit vermeintlich eindeutigen Vorgaben, wie sie die Genetik liefert, lassen sich bin\u00e4re Kategorien rechtfertigen. &#8222;Ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale&#8220;, so lautet der Personenstandsbefund kurz nach der Geburt eines &#8222;intersexuellen&#8220; Wesens und l\u00f6st damit eine Vielzahl von \u00dcberlegungen und Entscheidungen aus. Die Eltern sind unsicher und best\u00fcrzt, die \u00c4rzte treten dazwischen, und so bildet sich ein scheinbar informelles Kartell, das nur &#8222;das Beste&#8220; will und das Kind also einer Korrektur, Verst\u00fcmmelung, im Grunde einer Geschlechtsumwandlung unterzieht.<\/span><\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\">An der Intersexualit\u00e4t zeigt sich vor allem eines: Wie dominant diese Ordnungen (noch) sind, wie wenig die Traumatisierung ber\u00fccksichtigt wird, die sich aus der gewaltsamen Zuschneidung des Geschlechts ergibt. Das ist auch die Ausgangslage der Dokus &#8222;Das verordnete Geschlecht&#8220; von Oliver Tolmein und Bertram Rotermund und &#8222;Hermaphroditen &#8211; eindeutig zweideutig&#8220; von Ilka Franzmann.<\/span><\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\">Die Autoren haben Gespr\u00e4chspartner gefunden, deren Portr\u00e4ts dieser Traumatisierung ein eindrucksvolles Gesicht geben. Da ist es nicht erstaunlich, dass die \u00c4rzte nicht so gut wegkommen. Sie werden als hartn\u00e4ckige Normierungsschinder gezeigt wie in Franzmanns Film die franz\u00f6sische \u00c4rztin, die als Einzige ungebrochen f\u00fcr das Zurichten, Erziehen und Entscheiden eintritt. Oder bei Tolmein\/Rotermund als beinahe schwachsinnige Spezialisten, die von M\u00e4nnchen und Weibchen sprechen, wenn sie an Plastikmodellen Geschlechtsteile hin- und herschieben.<\/span><\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\">Allerdings verharren vor allem Tolmein\/Rotermund nicht beim tiefen Seufzer \u00fcber die Untaten der Endokrinologie. Ihr Gl\u00fcck war es, sehr aufgeweckte und heitere Gespr\u00e4chspartner zu finden, die f\u00fcr ein auch politisiertes Verh\u00e4ltnis zum eigenen K\u00f6rper stehen. Mit Michel Reiter konnten die Autoren den Kampf um Anerkennung des geschlechtlichen Status verfolgen oder viele k\u00fchle Kommentare zu herrschenden medizinischen Verfahren absch\u00f6pfen: &#8222;Sie wollen einen vor allem fickf\u00e4hig machen.&#8220; In Reiters Fall wurde dieses Ziel aber verfehlt. Die Kohabitation scheitert bei ihm nicht nur an fehlender Lubrikation, sondern vor allem am nachhaltig gest\u00f6rten K\u00f6rpergef\u00fchl. Das Gegenteil ist bei Elisabeth M\u00fcller der Fall. Die nicht nur musikalische St\u00fctze ihrer Kirchengemeinde wurde durch eine Gesangsausbildung in eine fast offensive K\u00f6rperlichkeit gezwungen, einen uneingeschr\u00e4nkten, sozusagen ehrlichen Umgang mit Organen, Knochen und Muskeln. Dadurch wurde ihr nicht nur klar, dass sie m\u00e4nnliche K\u00f6rperteile wie den Hodenzugmuskel besitzt, sondern wie sie diesen nutzen kann.<\/span><\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\">Hier zeigt sich aber auch, dass die Linien von Verantwortung und Schuld nicht immer eindeutig verlaufen. In M\u00fcllers Fall waren es nicht Eltern und \u00c4rzte &#8211; sie selbst entschied sich f\u00fcr die Operation, aus ganz pragmatischen Gr\u00fcnden. <\/span><span class=\"s3\"><b>MANFRED HERMES<\/b><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\"><b>aus: Tagespiegel, Kultur-Teil vom 12.9.2002<\/b>\u00a0<\/span><\/h2>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\"><b>Citylights<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\">Mit offenen Augen und Ohren f\u00fcr die Vielfalt menschlicher Lebensm\u00f6glichkeiten kommen zwei Filme daher, die sich dem \u201eLeben zwischen den Geschlechtern\u201c widmen, wie es in der Ank\u00fcndigung hei\u00dft. Eines von zweitausend Kindern wird n\u00e4mlich ohne eindeutige Zuordnung zum m\u00e4nnlichen oder weiblichen Geschlecht geboren, sei es in der Anordnung der Geschlechtsorgane oder hormoneller Nicht\u00fcbereinstimmung. Immer noch werden diese Uneindeutigkeiten im fr\u00fchesten Kindesalter operativ korrigiert, oft mit zweifelhaftem Erfolg. Doch immer mehr Menschen bekennen sich zu ihrer Intersexualit\u00e4t. Auch in den Filmen \u2013 beides urspr\u00fcnglich Fernsehproduktionen \u2013 kommen neben Eltern und \u00c4rzten penis-amputierte xy-Frauen und Menschen mit \u201ezweifelhaften Genitalien\u201c zu Wort.<\/span><\/p>\n<p>Hermaphroditen \u2013 eindeutig zweideutig von Ilka Franzmann konfrontiert Interviews aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem tieferen Einblick in eine Familiengeschichte, die aus Verschweigen und Verdr\u00e4ngen besteht. Das verordnete Geschlecht von Oliver Tolmein und Bertram Rotermund richtet die Aufmerksamkeit st\u00e4rker auf den Kampf gegen medizinische und juristische Bevormundung, den einige Aktivisten neuerdings begonnen haben, etwa in der Kampagne f\u00fcr den &#8222;Zwitter&#8220; als dritte Geschlechtsvariante in der Personalb\u00fcrokratie. Sonnabend, Sonntag und Mittwoch im Babylon-Mitte. <span class=\"s3\"><b>S<\/b><\/span><span class=\"s1\"><b>ilvia Hallensleben<\/b><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\"><b>Aus: Konkret, Heft 2, 2002<\/b><\/span><\/h2>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\"><b>Geschlecht? Keins.<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">Die meisten Denk- und Verhaltensweisen sind in unserer Gesellschaft geschlechtlich konnotiert, entweder m\u00e4nnlich oder weiblich. Die Annahme, es gebe ein \u00fcber die bin\u00e4re Geschlechterordnung hinausgehendes Geschlecht oder gar Geschlecht sei per se gemacht und nicht \u201enat\u00fcrlich\u201c gegeben, r\u00fchrt nach wie vor an ein Tabu. Personen, die ohne eindeutiges Geschlecht geboren sind, &#8211; im Volksmund Zwitter &#8211; werden zumeist bedauert, kann doch bei ihnen die allererste Frage \u201ewas ist\u2019s denn?\u201c nicht befriedigend beantwortet werden. Sie werden pathologisiert, und folglich zielen alle medizinischen und psychologischen Therapiema\u00dfnahmen darauf, operativ ihr Geschlecht im Sinne einer \u201egelungenen\u201c Anpassung an die Normalit\u00e4t zu vereindeutigen. Da\u00df der menschliche K\u00f6rper immer in Abh\u00e4ngigkeit zur geschlechtlichen Norm wahrgenommen wird, bedeutet auch, da\u00df anders Geborene oder anders Empfindende immer nur als Abweichung von dieser Norm betrachtet werden.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">Die feministische Geschlechterforschung hat die Dichotomie der Geschlechter im Grundsatz kritisiert und das Geschlechterraster sowohl f\u00fcr die Hegemonie einer \u201em\u00e4nnlichen\u201c Norm verantwortlich gemacht als auch f\u00fcr das hierarchische Geschlechterverh\u00e4ltnis. Selten jedoch gab es unter Feministinnen eine Rekurs auf Intersexuelle, die von Geburt an nicht in dieses Raster passen wollen, ein gewisses B\u00fcndnis besteht erst seit Mitte der 90er Jahre. (&#8230;.)<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">Die ersten operativen Geschlechtszuweisungen, seit Ende der 50er Jahre routinem\u00e4\u00dfig vorgenommen, werden bereits im Alter von ein bis zwei Jahren durchgef\u00fchrt, damit eine geordnete Sozialisierung des Kindes gew\u00e4hrleistet sei. Sie stellen f\u00fcr die \u00c4rzteschaft nicht zuletzt eine eintr\u00e4gliche Besch\u00e4ftigung dar, da bis zur Pubert\u00e4t zumeist eine gro\u00dfe Anzahl von Eingriffen ansteht, dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen Hormone verabreicht und die physische und psychische Entwicklung regelm\u00e4\u00dfig kontrolliert werden. Von besonders schmerzhafter und traumatisierender Wirkung ist die sogenannte Bougierung. Dabei wird die k\u00fcnstlich hergestellte Vagina mit Hilfe von penisartigen Werkzeugen gedehnt und geweitet, damit der verweiblichte K\u00f6rper \u201ekopulationsf\u00e4hig\u201c wird. (&#8230;)<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">In der Dokumentation \u201eDas verordnete Geschlecht\u201c von Oliver Tolmein und Bertram Rotermund erz\u00e4hlen Michel Reiter und Elisabeth M\u00fcller, eine XY-Frau, von dem, was sie in der Familie, bei \u00c4rzten und auf Beh\u00f6rden durchgemacht haben. Reiters Krankenakte berichtet: \u201eMehrfache schmerzhafte Kohabitationsversuche haben ebensowenig ausrichten k\u00f6nnen wie die Einf\u00fchrung eines Vibrators, der in 20 cm L\u00e4nge und 4 cm Durchmesser als der kleinste pr\u00e4sentiert wird .. Wenn auch unter Protest, so lie\u00df sich doch recht (?) eine Prothese von 3 cm Durchmesser einlegen.\u201c Auch M\u00fcller, der im Kindesalter Hoden wegoperiert wurden, begreift sich heute nicht unbedingt als Frau, immerhin hat sie sich aber mit ihrem K\u00f6rper angefreundet. Stolz spricht sie davon, da\u00df sie in ihrem Beruf als S\u00e4ngerin mit ihrem Hodenzug arbeitet. Die intimen Berichte der Betroffenen kontrastieren die Filmemacher sehr wirkungsvoll mit den schulmeisterlichen Belehrungen der Mediziner, deren mechanistisches Menschenbild gleicherma\u00dfen ihr Verst\u00e4ndnis von Sexualit\u00e4t entlarvt. Bisweilen erlangt die eifrige Rede der Chirurgen \u00fcber die plastischen M\u00f6glichkeiten, Geschlechter herzustellen, tragikomische Effekte. Dazwischen geschaltete OP-Szenen, die plump mit klingenschleifenden Ger\u00e4uschen unterlegt sind, h\u00e4tte der Film allerdings nicht n\u00f6tig gehabt.<\/span><\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\">Reiters verwaltungsrechtliche Auseinandersetzung um den von ihm gew\u00fcnschten Eintrag \u201eZwitter\u201c in seinen Pa\u00df zieht sich wie ein roter Faden durch den Film und steht gerade am Ende so sehr im Vordergrund, da\u00df man glauben k\u00f6nnte, alles w\u00e4re gut, wenn er den Eintrag bek\u00e4me. Der Streit \u00fcberdeckt die radikale Kritik an der Geschlechterordnung, die Reiter in der Mitte des Films formuliert und die impliziert, da\u00df prinzipiell an der Abschaffung der Geschlechterkategorien zu arbeiten w\u00e4re. (&#8230;.) Einem Film \u00fcber ein so selten behandeltes Thema ist eine gro\u00dfe Verbreitung zu w\u00fcnschen. Bislang nur in kleinerem Rahmen gezeigt, wird diese sehenswerte Dokumentation hoffentlich nicht noch lange auf einen Verleih oder einen guten TV-Sendeplatz warten m\u00fcssen.<\/span> <span class=\"s1\"><b>Connie Uschtrin<\/b><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\"><b>aus: taz Hamburg Nr. 6604 vom 19.11.2001<\/b><\/span><\/h2>\n<p class=\"p7\"><span class=\"s1\"><b>Gewaltt\u00e4tige<br \/>\nNormierung<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">\u00dcber 200 Seiten lang ist der Schriftwechsel, den Michel Reiter von seinen \u00c4rztInnen \u00fcberreicht bekommen hat. Nun kann er damit tun, was er will. Also verliest er ihn, im Gebirge, vor laufenden Kameras. Zerrt so ans Licht, was als Aktennotiz zirkulierte. &#8222;Acht mal zwei Zentimeter passt nicht&#8220;, steht da beispielsweise geschrieben. &#8222;Aber wir sind auf dem besten Weg, die M\u00f6glichkeit der Kohabitation wieder herzustellen.&#8220; Nach \u00e4rztlicher Ansicht sollte Michel Reiter eine &#8222;richtige&#8220; Frau werden. Beischlaff\u00e4hig. Mit einer Vagina, die breit genug ist f\u00fcr die Erf\u00fcllung des genitalen Heterosextraums.<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">Erreicht haben die MedizinerInnen ihr Ziel nicht. Michel Reiter schl\u00e4ft nicht mit M\u00e4nnern. Zum einen erinnert es ihn an die \u00e4rztlichen Eingriffe, die mit Dildos und anderen penisartigen Gegenst\u00e4nden seine Vagina zu weiten versuchten. Das hat Michel Reiter als Vergewaltigung empfunden. Zum anderen erinnern ihn Schw\u00e4nze schmerzhaft daran, dass er selbst einmal einen besa\u00df. Vor den Operationen. Denn Michel Reiter wurde intersexuell geboren, wie jedes zweitausendste Kind. Auch heute entkommt niemand der medizinisch-chirurgischen Geschlechtsnormierung. (&#8230;)<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">Dabei bietet die Geschichte von Michel Reiter &#8211; aber auch von Elisabeth M\u00fcller, die ebenfalls in dem Film <i>Das verordnete Geschlecht <\/i>zu Wort kommt -, andere Denkm\u00f6glichkeiten an. Die Angst der Eltern, das durch Operation neu gewonnene M\u00e4dchen k\u00f6nne pl\u00f6tzlich jungenhafte Z\u00fcge annehmen, erweist sich als einschr\u00e4nkender als ein ungew\u00f6hnlicher K\u00f6rper. Mit diesem kann man umgehen, mit der gesellschaftlichen Furcht vor Norm\u00fcberschreitung nicht. Gleichzeitig zeigen die Biographien von Reiter und M\u00fcller, dass Intersexualit\u00e4t keineswegs wegoperiert werden kann. Als Sp\u00fcren der Andersartigkeit, etwa durch Ausbleiben der Regel, bleibt die Besonderheit des Intersexuell-Seins bestehen. Undramatisch w\u00e4re das Ungew\u00f6hnliche, wenn es nicht den Zwang zum eindeutigen Geschlecht g\u00e4be.<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">Elisabeth M\u00fcller lacht, wenn sie von ihren Gesangsstunden erz\u00e4hlt. &#8222;Ich sage, dass ich den Hodenstrang anspannen muss, um gut zu singen.&#8220; Manche ihrer MitstreiterInnen im Chor schauen sie dann merkw\u00fcrdig an. Aber f\u00fcr sie ist es wichtiger, zu sich selbst zu stehen. So zeigt <i>Das verordnete Geschlecht<\/i> auf, dass die Normierung von K\u00f6rpern gewaltt\u00e4tig ist und man fragen sollte, ob abweichende K\u00f6rper der Korrektur bed\u00fcrfen. Vielleicht sind es gesellschaftliche Vorstellungen, die vielmehr der Ver\u00e4nderung bed\u00fcrften. Und die beginnt im eigenen Kopf. <b>Doro Wiese<\/b> <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\"><b>aus: analyse&amp;kritik, Nr.456 vom 22.11.2001<\/b><\/span><\/h2>\n<p class=\"p8\"><span class=\"s1\"><b>Geschlecht wird gemacht<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">Film \u00fcber Geschlechter- und K\u00f6rperpolitik und den Zwang zur Normalit\u00e4t<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">(&#8230;)Der Fokus der Dokumentation &#8222;Das verordnete Geschlecht&#8220; liegt auf den individuellen Erz\u00e4hlungen Reiters und M\u00fcllers, gleichzeitig werden ihren Geschichten Statements von \u00c4rzten und Eltern gegen\u00fcbergestellt, die nach wie vor \u00fcberzeugt sind, dass eine fr\u00fchzeitige Operation intersexueller Kinder notwendig sei, damit diese nicht als Au\u00dfenseiterIn aufwachsen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">Die St\u00e4rke des Filmes liegt darin, dass er klar Partei ergreift f\u00fcr die Anliegen Intersexueller, ohne dabei jedoch bevormundend zu sein. Es gelingt den Filmemachern, Reiter und M\u00fcller als Subjekte zu portr\u00e4tieren, die um die Anerkennung ihrer Identit\u00e4t als Zwitter k\u00e4mpfen, und nicht als Opfer und Objekte medizinischer und gesellschaftlicher Zw\u00e4nge. Der Film zeigt, wie schwierig die Suche nach Identit\u00e4t in einer Gesellschaft ist, in der Vorstellungen von Normalit\u00e4t notfalls auch mit Zwang und Gewalt durchgesetzt werden. Medizin und Justiz \u00fcbernehmen. dabei die Rolle, die Einhaltung der Norm zu gew\u00e4hrleisten, indem AbweichlerInnen pathologisiert bzw. kriminalisiert werden. Mediziner, wie der in dem Film zu Wort kommende Professor Waldschmidt von der Kinderchirurgie Berlin, charakterisieren Intersexualit\u00e4t als Krankheit. Diese dubiose Krankheit manifestiert sich nicht durch Schmerzen, sondern durch Normabweichung. F\u00fcr Waldschmidt sind &#8222;M\u00e4dchen, wo vorne der Penis rauskommt&#8220;, &#8222;Kinder, die keinen graden Strahl machen&#8220;, &#8222;die innerlich ein M\u00e4nnchen und \u00e4u\u00dferlich ein Weibchen sind&#8220;, zun\u00e4chst und in erster Linie ein medizinisches Problem. Ein Problem, das jedoch chirurgisch gel\u00f6st werden kann.<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">Dass durch eine Operation das Problem eben nicht gel\u00f6st wird, zeigt die Geschichte von Reiter und M\u00fcller. Beide hatten, trotz ihres \u00e4u\u00dferlich eindeutigen Geschlechts, schon als Kind das Gef\u00fchl, irgendwie &#8220; verkehrt&#8220; zu sein. Nachdem sie jahrelang unter \u00e4rztlicher Kontrolle standen, haben sich beide aus den F\u00e4ngen der Schulmedizin befreit. Mittlerweile leben Reiter und M\u00fcller mit und in ihrem mehrgeschlechtlichen K\u00f6rper. Dies ist um so schwieriger, als viele der geschlechtsnormierenden Operationen, die im Kleinkindalter vorgenommen wurden, nicht r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen sind. &#8222;Die Hoden haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin&#8220;. sagt Elisabeth M\u00fcller. &#8222;Diese Klasse h\u00e4tte ich gerne behalten. die geh\u00f6rt zu mir&#8220;.<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">Als Initiator der &#8222;Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der P\u00e4diatrie und Gyn\u00e4kologie&#8220; (www.aggpg.de) engagiert sich Michel Reiter f\u00fcr die Rechte von Intersexuellen. Ihm geht es darum. die medizinische Deutungsmacht \u00fcber das, was Geschlecht zu sein hat, zu brechen. Aus diesem Grund hat Reiter einen Antrag an das Amtsgericht M\u00fcnchen gestellt, dass in seinem Pass als Geschlechtsbezeichnung &#8222;zwittrig&#8220; stehen soll. Durch die M\u00f6glichkeit, sich als Zwitter eintragen zu lassen. w\u00e4re zumindest der formalrechtliche Zwang einer Geschlechtszuweisung aufgehoben. Der Antrag wurde im Oktober 2001 abgelehnt. Nach geltendem Recht k\u00f6nne das Geschlecht nur als m\u00e4nnlich oder weiblich eingetragen werden, so die Urteilsbegr\u00fcndung.<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\">&#8222;F\u00fcr mich ist Sexismus die Herstellung von zwei Geschlechtern&#8220;, sagt Reiter. Der Kampf gegen die gewaltf\u00f6rmige Konstruktion von zwei Geschlechtern muss auf vielen Ebenen und nicht nur von Betroffenen gef\u00fchrt werden. Wie m\u00e4chtig und allseits pr\u00e4sent der Zwang ist, Menschen in Mann und Frau zu kategorisieren, wird besonders dann deutlich, wenn sich Menschen eben nicht in dieses Muster einordnen lassen. Die medizinische und juristische Feststellung: &#8222;Es ist ein Mann &#8211; bzw. eine Frau&#8220; wird erst durch t\u00e4gliche Best\u00e4tigungen und Selbstvergewisserung zur gesellschaftlichen Realit\u00e4t. Der Film &#8222;Das verordnete Geschlecht&#8220; zeigt, so der Filmemacher Oliver Tolmein, &#8222;wie wichtig es ist, dass in einer Gesellschaft nicht Normalit\u00e4t die Leitlinie ist, sondern Unterschiedlichkeit anerkannt und Gleichbehandlung sichergestellt wird.&#8220;<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>aus: taz-berlin, Kulturteil vom 14.9.2002 Zuschnittsnormen Filme \u00fcber Hermaphrodismus\u00a0 im Babylon Mitte Die geschlechtliche Ordnung ist eine gewaltige und gewaltt\u00e4tige Fiktion. Nicht einmal mit vermeintlich eindeutigen Vorgaben, wie sie die Genetik liefert, lassen sich bin\u00e4re Kategorien rechtfertigen. &#8222;Ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale&#8220;, so lautet der Personenstandsbefund kurz nach der Geburt eines &#8222;intersexuellen&#8220; Wesens und l\u00f6st damit eine&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/841"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=841"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/841\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":846,"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/841\/revisions\/846"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}