{"id":758,"date":"2017-06-01T09:05:26","date_gmt":"2017-06-01T09:05:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rotermundfilm.de\/?page_id=758"},"modified":"2017-06-01T11:10:09","modified_gmt":"2017-06-01T11:10:09","slug":"medienwerkstatt-freiburg","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/?page_id=758","title":{"rendered":"Medienwerkstatt Freiburg"},"content":{"rendered":"<p>Die Medienwerkstatt Freiburg wurde 1978 gegr\u00fcndet und geh\u00f6rte zu einem Netzwerk von rund 50 Videogruppen und Medienwerkst\u00e4tten, die sich in den 1970er Jahren bildeten. Sie f\u00fchlten sich den damaligen Protestbewegungen eng verbunden und wollten eine Gegen\u00f6ffentlichkeit und eine Alternative schaffen zu den b\u00fcrgerlichen Medien, die nur ungen\u00fcgend und sehr negativ \u00fcber die alternative Szene berichteten. Die \u201eMedienwerkstatt Freiburg\u201c nutzte die M\u00f6glichkeiten der neuen Video-Technik, um das gedrehte Material schnell bearbeiten und vorf\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Modell des \u201epublic access\u201c war ihnen wichtig, wie eine Selbstdarstellung von 1979 deutlich machte:<\/p>\n<p><i>\u201eIn der Medienwerkstatt sollen Initiativgruppen und einzelne Unterst\u00fctzung finden, die bei ihrer politischen Arbeit Medien brauchen. Medien hei\u00dft hier: Video, S-8 Film, Foto, Siebdruck. Mit Unterst\u00fctzung meinen wir: Verf\u00fcgbarmachen von Produktionsmitteln, helfen, beraten, erkl\u00e4ren, Material sammeln, vor allem aber, mit Gruppen l\u00e4ngerfristig zusammenzuarbeiten.\u201c<\/i><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-592 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie02-700x525.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie02-700x525.jpg 700w, https:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie02-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie02-80x60.jpg 80w, https:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie02.jpg 720w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>Zu den Gr\u00fcndern geh\u00f6rten Bertram Rotermund, Pepe Danquart und Miriam Quinte, sp\u00e4ter kamen noch Wolfgang Stickel, Mike Schl\u00f6mer und Didi Danquart dazu. Konzeptionell orientierten sie sich an Bert Brechts Radiotheorie:<br \/>\n<i>\u201eDer Rundfunkapparat ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln\u201c<\/i>.<br \/>\nEine wichtige Rolle spielten auch sowjetische Theoretiker wie Sergej Tretjakov und Dsiga Vertow, die einen Operativismus forderten, in dem es jedem m\u00f6glich sein sollte, eigene Filme zu drehen. Au\u00dferdem orientierte man sich nat\u00fcrlich an den medientheoretischen \u00dcberlegungen von Oskar Negt und Alexander Kluge sowie Hans Magnus Enzensberger:<\/p>\n<p><i>\u201eZum ersten Mal in der Geschichte machen die Medien die massenhafte Teilnahme an einem gesellschaftlichen und vergesellschafteten produktiven Proze\u00df m\u00f6glich, dessen praktische Mittel sich in der Hand der Massen selbst befinden. Ein solcher Gebrauch br\u00e4chte die Kommunikationsmedien, die diesen Namen bisher zu Unrecht tragen, zu sich selbst. In ihrer heutigen Gestalt dienen Apparate wie das Fernsehen oder der Film n\u00e4mlich nicht der Kommunikation, sondern ihrer<br \/>\nVerhinderung.<\/i><i>\u201c\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Zu Beginn ihrer Arbeit drehte die Medienwerkstatt Freiburg viele Videos zu den Themen Stadtsanierung, H\u00e4userbesetzungen und Jugendkultur. Es waren Filme von Betroffenen und die Filmemacher waren Teil der Bewegung.<br \/>\nDer Filmkritiker Wilhelm Roth schrieb 1981 in der <i>S\u00fcddeutschen Zeitung <\/i>\u00fcber ein Video zu einer Hausbesetzung:<\/p>\n<p><i>\u201eDie besten B\u00e4nder, soweit ich sie kenne, kommen von der Medienwerkstatt Freiburg. Dort hat man einen Stil entwickelt, der im aktuellen Ereignis das Prinzipielle sieht. Die Freiburger bauen dichte Montagegewebe, sie agitieren, kommentieren, ironisieren, neben das Bild, oft mit Originalton, treten Texte und Musik \u2013 und das alles geschieht, das muss man sich immer wieder klar machen, oft innerhalb von 24 Stunden.\u201c<\/i><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-593 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie03-700x525.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie03-700x525.jpg 700w, https:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie03-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie03-80x60.jpg 80w, https:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie03.jpg 720w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>1981 erhielt die Medienwerkstatt Freiburg von der Redaktion <i>Kleines Fernsehspiel <\/i>des ZDF den Auftrag f\u00fcr \u201ePa\u00dft blo\u00df auf\u201c, einen Film \u00fcber die Hausbesetzer-Szene und der Kultur von unten. Dies war ein Schritt in die Professionalisierung ihrer Filmarbeit. Das Produktionsbudget sicherte die Existenz des Teams und erm\u00f6glichte den Einstieg in die professionelle U-Matic-Technik.<\/p>\n<p>1982 produzierte die Medienwerkstatt Freiburg \u201es\u2019Wespen\u00e4scht\u201c, ihre Chronik zu zw\u00f6lf Jahren Kampf gegen ein Kernkraftwerk in Wyhl und andere Gro\u00dfprojekte am Oberrhein. Der Film hatte am 24. April 1982 in Endingen am Kaiserstuhl Premiere vor rund 500 Zuschauerinnen und Zuschauern.<\/p>\n<p><i>\u201eDie Resonanz auf den Film war umwerfend; wir zogen wochenlang mit Gro\u00dfbildprojektor durch die Kaiserstuhlregion und verschickten Kopien des Films an andere Videogruppen und B\u00fcrgerinitiativen, die sich gegen geplante oder vorhandene Kernkraftwerke zur Wehr setzten. Die Widerstandschronik verbreitete Optimismus und machte Mut.\u201c<\/i><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Der vorgesehene Bauplatz ist mittlerweile als Naturschutzgebiet ausgewiesen, denn das Kernkraftwerk Wyhl wurde nie gebaut.<\/p>\n<p>In den folgenden Jahren entstanden mehrere Videos zur Unterst\u00fctzung von Kampagnen der Protestbewegungen, wie der Widerstand gegen die Volksz\u00e4hlung, die Verkabelungspolitik in der BRD, darunter auch kurze B\u00e4nder \u00fcber Aktionen der politischen Szene in Freiburg, ein Film \u00fcber das Piratenradio Dreyeckland: \u201eWir bitten nicht l\u00e4nger um Erlaubnis\u201c, Filme zur Solidarit\u00e4t mit den Sandinisten in Nicaragua: \u201eBriefe aus Wiwili\u201c und \u201eDer Kampf ums Land\u201c aber auch distanzierte und kritische Auseinandersetzungen mit den Protestbewegungen wie<br \/>\n\u201cDie Bankrotterkl\u00e4rung &#8211; M\u00fctter in der Szene&#8220; und der Friedensbewegung &#8222;Ein Wort kann eine Karikatur sein &#8211; Friede\u201c.<br \/>\n&#8222;Die Lange Hoffnung &#8211; Erinnerungen an ein anderes Spanien&#8220; f\u00fchrte uns nach Spanien, an die St\u00e4tten des Spanischen B\u00fcrgerkriegs von 1936. Mit dabei waren Clara Thalmann und Augustin Souchy, zwei Alt-Anarchisten, die von 1936-39 auf der Seite der CNT gegen die Faschisten k\u00e4mpften. Etwa ein halbes Jahr nach der sechsw\u00f6chigen Reise starb Augustin Souchy am in M\u00fcnchen. Der Film wurde so auch zu seinem Nachruf. Finanziert wurde das Projekt durch das \u201edas kleine Fernsehspiel\/ZDF.<\/p>\n<p><i><\/i>In &#8222;Geisterfahrer &#8211; eine utopische Kolportage&#8220; (1986), der dritten ZDF-Produktion ging es um den Zustand der Linken in der BRD, &#8222;um den Wandel oppositioneller Politik von der selbstbewu\u00dften Kraft utopischer Entw\u00fcrfe zu den kleinen Schritten der sogenannten Real-Politik&#8220;.: Jo Leinen im Wahlkampf f\u00fcr die SPD, die Gr\u00fcnen im parlamentarischen Politikbetrieb, die Gr\u00fcnder der \u00d6kobank, expandierende Alternativbetriebe und die Frage, was aus den Sozialutopien des 19. und 20. Jahrhunderts geworden ist. Realit\u00e4t und Fiktion wurden in diesem Film so ineinander verwoben, da\u00df sie als solche nur noch schwer zu unterscheiden waren. Das ganze Geschehen wurde per Videotricktechnik in eine Geisterbahn verlegt,<\/p>\n<p><i>&#8222;Die `Geisterfahrer&#8216; sollte man sich ansehen, diesen ebenso politischen wie experimentellen Videofilm. Eine exemplarische Stunde f\u00fcr das Bildmedium. So k\u00f6nnte es weitergehen: Widerstand in jeder Bildfolge, in jedes einzelne Bild hineinzutragen und f\u00fcr jede Situation die ihr gem\u00e4\u00dfe Aktion zu finden. Mit videospezifischen Tricktechniken, die jedem `reinen&#8216; Videoexperiment gut anstehen w\u00fcrden, greifen die `Geisterfahrer&#8216; punktuell in vorgegebene Sinnzusammenh\u00e4nge ein.&#8220; <\/i>(Dietrich Kuhlbrodt in KONKRET 1\/87)<\/p>\n<p>&#8222;Geisterfahrer&#8220; setzte Ma\u00dfst\u00e4be, wie mit Videotechnik auch inhaltlich\/politisch gearbeitet werden kann, sollte aber nicht zum Ma\u00dfstab f\u00fcr zuk\u00fcnftige Produktionen werden. In den Filmen der Medienwerkstatt entwickelten sich unterschiedliche handwerkliche wie filmsprachliche Formen im Umgang mit Video, gewisserma\u00dfen &#8222;individuelle Handschriften&#8220;. Nach au\u00dfen wurden die Filme noch als &#8222;Videos aus der Medienwerkstatt Freiburg&#8220; gekennzeichnet, da die kollektive Struktur nach wie vor zu den tragenden Elementen der Arbeit geh\u00f6rte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-595 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie05-e1496315359815-700x411.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"411\" srcset=\"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie05-e1496315359815-700x411.jpg 700w, https:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie05-e1496315359815-300x176.jpg 300w, https:\/\/www.rotermundfilm.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Folie05-e1496315359815.jpg 714w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>Der \u00dcbergang zum Autorenfilm und zu individuellen Produktionen bahnte sich aber bereits an. Auch das bisherige kollektive Finanzmodell der Medienwerkstatt funktionierte so nicht mehr. Anfang der 90iger Jahre zeichnete sich ein neues Modell ab, welches einzelne Filmproduzenten vorsah, die sich eine gemeinsame Produktionsbasis erhielten: einen gemeinsamen Ger\u00e4tepool und ein Schnittstudio.<\/p>\n<p>Inzwischen gehen die einzelnen Autoren ihre eigenen Wege. Aber auch heute noch gibt es die Medienwerkstatt (in rudiment\u00e4rer Form) als digitaler Dienstleister, als Videoverleih und visuelles Ged\u00e4chtnis der 80iger und 90iger Jahre in der Konradstrasse 20 in Freiburg.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.medienwerkstatt-freiburg.de\">http:\/\/www.medienwerkstatt-freiburg.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Medienwerkstatt Freiburg wurde 1978 gegr\u00fcndet und geh\u00f6rte zu einem Netzwerk von rund 50 Videogruppen und Medienwerkst\u00e4tten, die sich in den 1970er Jahren bildeten. Sie f\u00fchlten sich den damaligen Protestbewegungen eng verbunden und wollten eine Gegen\u00f6ffentlichkeit und eine Alternative schaffen zu den b\u00fcrgerlichen Medien, die nur ungen\u00fcgend und sehr negativ \u00fcber die alternative Szene berichteten&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/758"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=758"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/758\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":773,"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/758\/revisions\/773"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rotermundfilm.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=758"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}